Kommen Sie, schauen Sie!
©Lukas Hämmerle
Das Nahe, das Geläufige, verschwindet manchmal im Hintergrund, verwächst mit der Kulisse des Schon-immer-dagewesenen. Betrachtet man es mit den Augen des Besuchers, treten die für andere durchaus markanten Punkte plötzlich aus dem Schatten des Alltäglichen. Diesen Blick werfen wir in verschiedene Ortsteile von Lustenau, auf dass wir sie (wieder) neu entdecken.
Zentrum im Kirchdorf
Das Lustenauer Zentrum im Kirchdorf zieht, wie überall, die meisten Besucher an. Von der Bundesstraße aus der heimlichen Vorarlberger Hauptstadt Dornbirn und von der Autobahn kommend, wird man über die Kaiser- Franz-Josef-Straße in Richtung Blauer Platz (der nur noch dem Namen nach einer ist – der Zahn der Zeit hat die Bläue abgenagt) geleitet. Im 19. Jahrhundert gab es im Ort noch gar kein Zentrum und Lustenau bestand aus sieben mehr oder weniger lose verbundenen Parzellen - Hag, Rheindorf, Stalden, Holz, Weiler, Grindel und Wiesenrain. Wie im gesamten Rheintal, ist auch in Lustenau das Bauen und Vermehren im 19. Und 20. Jahrhundertflott fortgeschritten, und es etablierten sich die heute gebräuchlichen Ortsteile Kirchdorf, Rheindorf, Hasenfeld und Rotkreuz aufgrund der Schulsprengeleinteilungen.
Das nunmehrige Zentrum beherbergt neben der markanten ältesten und immer wieder neu errichteten Kirche Peter und Paul auch das Stadion in der Holzstraße mit seiner imposanten Tribüne. Der älteste, 1907 gegründete, Vorarlberger Fußballklub residiert hier seit 1925.
Unübersehbar und mit seiner klaren Formensprache ein kraftvolles Baudenkmal ist das Rathaus aus den 50iger Jahren, errichtet nach den Plänen der Architekten Adelheid Gnaiger, Paul Götsch und Walter Griss. Zum Glück für Besucher:innen, Passant:innen und dort Beschäftigte ist das ursprüngliche Interieur auch noch in weiten Teilen erhalten. Wie das so ist mit den alten Sachen, war man zwischendurch vielleicht mal geneigt, das schöne Bauwerk abzutragen, den Inhalt wegzuschmeißen und es durch ein für passender erachtetes Rathaus zu ersetzen. Manchmal ist es einfach Glück, dass kein Geld da ist, um Schönes durch Zeitgeístiges zu ersetzen – und so erlebt das Rathaus seine zweite Blüte. Die „GenZ“ ist wieder vom Charme des „Midcentury“ angetan und stöbert auf Omas Dachboden nach Kasteln und Mänteln. Und die Jahrgänger des Rathauses freuen sich, dass nicht alles aus ihrer Jugend der Abrissbirne geopfert wurde.
Industriearchitektur und Jugendstil im Rheindorf
©Lukas Hämmerle
In Lustenau finden sich nur wenige Spuren der Naziherrschaft. Aber eine dieser Spuren führt zum Bahnhof. Während des Krieges an seinem heutigen Standort neu errichtet, sollte er dereinst, 10-gleisig ausgebaut als letzter Bahnhof im Reich (vor der freien neutralen Schweiz) die megalomanen nationalsozialistischen Ambitionen repräsentieren und den „Markt Lustenau […] zweifellos zu einem bedeutenden Grenzort Grossdeutschlands erwachsen“ lassen. Dem blutigen Größenwahn wurde bekanntlich 1945 ein Ende gesetzt, aber der Bahnhof liegt immer noch weit vom Schuss am Ortsrand von Lustenau, freilich vergleichsweise unbedeutend und sehr regional ausgerichtet.
Das alte Zollhaus, nunmehr das Jazzhaus beherbergend, das Wasserwerk mit den schönsten Kacheln Vorarlbergsund die erste Vorarlberger Stickerei Fabrik befanden sich und befinden sich im Rheindorf. Der Wirtschaftsstandort „Fabrik“ in der Rheinstraße ist ein Zeugnis vollendeter Industriearchitektur an der Wende zum vorletzten Jahrhundert, als die Gebrüder Hofer die Stickerei von der Schweiz nach Lustenau brachten. Mehre Fabrikhallen und das zentrale Verwaltungsgebäude sind im Originalstil erhalten.
Dass man mit Stickerei reich werden konnte, zeigt untere anderem die nah der Fabrik errichtete imposante Villa Robert Bösch, damals schönster Jugendstil, heute ein Boutique Hotel mit allem Komfort. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Gebäude errichtet wurde, war die Rheinstraße eine prominente Lage: Die 1902 in Betrieb genommene Straßenbahn von Dornbirn kommend fuhr direkt an der heute denkmalgeschützte Villa vorbei, und in unmittelbarer Nachbarschaft liegen zwei weitere wunderbare Villen aus der gleichen Periode.
Das Hasenfeld am Alten Rhein
©Lukas Hämmerle
Das Hasenfeld ist ein relativ junger Ortsteil, direkt am Alten Rhein – ein Altarm des begradigten Rheins – und über die Grenzen bekannt für das Lustenau Open Air, ein alljährliches mit viel Staraufgebot bestückte musikalisches Großereignis, das meistens im Schlamm stattfindet, weil es pünktlich zu dessen Beginn im August kübelt. Was aber der Begeisterung der vornehmlich jungen Besucher:innen keinerlei Abbruch tut.
Markant ist auch die Kirche im Hasenfeld, ein ästhetisch betrachtet nicht ganz unumstrittenes Bauwerk mit brutalistischen Zügen. Dem Freund des kantigen und herben Charmes der 70iger ist sie eine Augenweide. Der Rest sieht einfach weg.
Den Ausklang eines Rundgangs oder einer Radfahrt durch die Lustenauer Ortsteile kann man gut im geschichtsträchtigen Gasthof Lamm genießen – der am Ortsausgang Richtung Hohenems gelegene alte, aber nunmehr behutsam restaurierte Gasthof vom Beginn des 20.Jahrhunderts hat neben der originalen Täferstube und dem Saal auch einen einladenden Gastgarten unter schattenspendenden Kastanien.
Das Lamm ist aber bei weitem nicht die einzige Einkehrmöglichkeit auf einem Rundgang durch die Ortsteile – da gäbe es noch viele mehr, aber das ist eine andere Geschichte.