Gefiedelt, geblasen und gerockt

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Alles spielt, alles singt, alles bewegt sich in Lustenau. Und das in vielen Takten. Die Lustenauer Musikszene ist überaus vielfältig. Zuweilen auch eigenwillig.

Da gibt es alles

Die Lustenauer:innen sind seit jeher nicht in kleine Schachteln zu bekommen. Auch musikalisch nicht. Da gibt es alles, von der Volks- und Hausmusik über Keller-Hardrocker und Jazzer bis zu den Klassikern. Eine über die Marktgemeinde hinaus bekannte und geschätzte Institution und Einstieg für fast alle Lustenauer:innen in die Musik ist die Rheintalische Musikschule. Generationen von Kindern und Jugendlichen lernen hier seit 1946 das Spiel auf unterschiedlichsten Instrumenten, Gesang und Freude an der Musik. Keineswegs nur Blockflöte, Akkordeon und Klavier werden hier von 66 Lehrenden aus vielen Nationen unterrichtet, geboten wird die ganze Vielfalt gespielter, gesungener und getanzter Musik.

Fiedeln, was das Zeug hält

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Eine Besonderheit an der Musikschule Lustenau sind die Fiddlekids rund um die Ausnahme-Musikerin, Sängerin und Lehrerin Evelyn Fink-Mennel. Die Wälderin mit Hang zur weiten Musikwelt hat nach einigen Jahren in Wien den Weg zurück ins Ländle gefunden. Ihr Zugang zur Musik ist von Freiheit, Freude und Spontaneität geprägt. Der schwermütige Ernst, das „Brahmssche“ an der Arbeit mit dem Streichinstrument, liegt ihr fern. Die Geige, auch Fiedel genannt, ist in vielen europäischen Musikkulturen ein täglicher Begleiter und wird in der Populärmusik lustvoll zelebriert. Vorbild sind auch die irischen Fiddler, die singend und gehend ohne Noten aufspielen, bei Beerdigungen genauso wie bei Hochzeiten und auch einfach zur reinen Freude im Alltag. „Ich möchte die Kinder und Jugendlichen an die Freude am Spiel heranführen. Durch Singen und durch Nach- und Mitspielen. Wir brauchen keine Noten, um selbst Freude am Spiel zu haben und anderen eine Freude zu machen.“ Die 10 „Fiddlekids“ aus Lustenau, dem Montafon und dem Bregenzerwald haben auch schon eine CD eingespielt und werden unter anderem beim Jugendmusikfestival „Remix 22“ vom 26.-28.5.2022 in Luxemburg das Bundesland Vorarlberg vertreten.

All that Jazz

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Sehr besonders ist auch die Szene jener Eingeweihten, die sich im „Jazzhuus“ in der Rheinstraße einfinden. Jazz ist nicht einfach irgendeine Unterhaltung, die man sich so nebenbei reinzieht. Er ist - wie soll man es sagen, ohne arrogant zu klingen – ein gelehrteres Stück Musik, ein wenig exakter, etwas sehr viel komplexer als Pop- und Volksmusik, meistens. Ein hoffentlich zulässiger Vergleich, der Jazz-Freunden nicht von allen Seiten Verbalinjurien eintragen wird: Wäre deutsche Popmusik das 1x1, dann wäre Jazz eine Wurzelfunktion, Freejazz eine Differentialrechnung. Die Lustenauer Jazzszene ist naturgemäß ein eingeschworener Haufen, in dem jeder jeden irgendwie kennt. Urgestein Walter Weber führt mit seiner Frau Ilse den Jazzclub. Ungefähr alle drei Wochen von Herbst bis Frühling finden hier Konzerte statt. Epochemachende Auftritte haben immerhin schon Dexter Gordon, Hannibal Marvin Peterson, Elvin Jones und Chet Baker hingelegt. Die Auswahlkriterien für die Combos entspringen rein egoistischen Motiven, sagt Walter Weber: Es muss ihm gefallen, dann kann es gespielt werden. Klar ist das im engeren Sinne „unprofessionell“, denn alle 20 aktiven Mitglieder im Jazzclub arbeiten ehrenamtlich und also unentgeltlich. Da kann man sich dann schon die Freiheit des eigenen Geschmacks nehmen. Nebenbei ist Weber auch noch Mitglied in einer der aktivsten Jazz-Formationen im Land, beim „Suter Egli Jazzgerät“. Dort steht seit Anbeginn Jazz-Urgestein Georg „Suti“ Suter an der Gitarre. Gemeinsam mit Walter Weber (Bass), Maximilian Bösch (Gitarre), Frank Egli (Keyboard und Komposition) und Helmut „Hummel“ Gassner (Schlagzeug) mischen die Herren gesetzteren Alters (außer der Herr Bösch, der ist noch jung) die Lustenauer Jazz-Szene gehörig auf. Suti, eine musikalische Institution in Lustenau, hat sich schon mit 18 für ein Leben für und mit dem Jazz entschieden; viele Jahre hat er neben seinem Job als Mittelschul-Lehrer am Jazzseminar unterrichtet – Maximilian, der Gitarrist, war sein bester Schüler. Nachwuchssorgen gibt es übrigens nicht – Jazz erfreut sich ungebrochener Beliebtheit in Lustenau. Das beweist der Zulauf zum Seminar fürJazz Pop Rock (oder kurz Jazzseminar) an der Musikschule.

Und dann war da noch viel musikalischer Freisinn

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In Lustenau gibt es aber auch unzählige „Kellerbands“ aus ganz jungen und eher schon nicht mehr ganz so jungen Musikanten. Wie die „Tight Ships“ zum Beispiel. Die treffen sich seit drei Jahren in dieser Formation im umfunktionierten Silo des Vetterhofs zum Proben. Was nicht ganz ohne ist akustisch, ein runder Raum ist schon mal grundsätzlich schwer zu bespielen. Aber die drei Männer um die 40, Familienväter allesamt, hält das nicht davon ab, mit Verve in die Saiten zu greifen und auf die Drums zu dreschen. Eigenkompositionen, versteht sich. Fette Beats, schnelle Rhythmen und sinnreiche Texte, alles in Englisch. Frontman und Songwriter Manuel unterrichtet nämlich im Brotberuf Englisch und PP in Bregenz am Gymnasium. Drummer Simon, tagsüber Schreiner, baut gerade an einer hölzernen Badewanne, und Bassist Felix ist im Senf-Geschäft. Ursprünglich kommen die Stringer aus dem Jazz-Seminar an der Lustenauer Musikschule, Felix hatte mal Geige studiert. Da schließt sich der Kreis also wieder. Und alle Bands, Ensembles, Chöre und Kellerformationen proben fleißig weiter; die nächste „Lange Nacht der Musik“ kommt bestimmt. Oder der Agent, der einen aus dem Keller holt.