Im Gedärm von Lustenau

Kanalisation Lustenau_2023@Lukas Hämmerle3

Temperatur und Luftfeuchtigkeit entsprechen denen einer feinen Schaumwein-Kellerei. Was hier unten, in den Eingeweiden von Lustenau, durch ein ausgeklügeltes Kanal-, Röhren- und Pump-System fließt, sollte man sich aber eher nicht in die Champagnerschale füllen.

Viele Rohre

Kanalisation Lustenau_2023@Lukas Hämmerle5

Der flüssige Unrat der Gemeinde benötigt einiges an Erfahrung und Logistik, um, von seinen Bewohner:innen weggeschafft und sorgsam aufbereitet, dem Wasserkreislauf wieder zugeführt werden zu können. Denn Lustenau liegt nah am Rhein und vielerorts recht seicht im Grundwasser. Ein Schwamm, der sich jahrhundertelang periodisch mit Wasser vollgesogen und es wieder abgegeben hatte. Zahllose Gräben haben lange Zeit oberirdisch die Abflüsse, auch die aus den Wohnhäusern, gebildet. Irgendwann in den 60ern war es dann eindeutig an der Zeit, den Ausscheidungen der Lustenauer:innen systematisch ein Rohr vorzuschieben. Oder viele Rohre, denn in der Zwischenzeit sind es rund 240 km Kanalsystem. Die Kanal-Beauftragten Gert Nasswetter und Markus Rüdisser haben aber bei der Wartung der Abwasseranlagen nicht nur mit dem hohen Grundwasserspiegel zu kämpfen. Da sich die Marktgemeinde großteils in einer natürlichen Senke befindet, gibt es wenig natürliches Gefälle, das den Abfluss von den Bewohner:innen weglenken würde. Im Süden und Osten der Gemeinde wird daher gepumpt, und das ist ziemlich aufwändig. Durch den instabilen Untergrund müssen die Rohre auch einiges aushalten. Verschiebungen und Setzungen zehren an der Dichtigkeit. Das macht die Sache teuer. Rund eine Million Euro muss die Marktgemeinde jährlich für die Kanalisation auslegen.

Zahllose Gräben haben lange Zeit oberirdisch die Abflüsse, auch die aus den Wohnhäusern, gebildet.

Kanalinfarkt

Kanalisation Lustenau_2023@Lukas Hämmerle1

Gar nicht gern gesehen im Alltag der Kanalerhalter sind die „Fremdstoffe“, die, unbeabsichtigt oder nicht, in die Küchen- und Klosettabflüsse entsorgt werden. Besonders unbeliebt bei denjenigen, die sie dann mühevoll beseitigen müssen, sind Windeln und Damenhygieneprodukte. Auch Unterwäsche, Feuchttücher und Putzlumpen stauen sich gern in der Unterwelt. Die haben nämlich alle eine Tendenz, sich zu großen Klumpen zu verdichten – in der Sprache der Unterwelt nennt man das „verzopfen – und dann an ungünstiger Stelle zu sammeln, zum Beispiel in den Pumpen. Ganz übel sind Fettansammlungen, die sich vorzugsweise bei Gasthäusern mit einem hohen Anteil von Frittiertem auf der Speisekarte finden. Das warme Fett lagert sich am Eingang zum Abwasserkanal an und erstarrt zu einer undurchdringlichen Barriere. Man kann es mit verstopften Arterien vergleichen, die dann unweigerlich zum Herzinfarkt führen würden. Mithilfe von Kameras werden diese Verengungen geortet und anschließend „durchgeblasen“ und abgekratzt. Ein mühseliges und teures Unterfangen, zu dem Spezialunternehmen hinzugezogen werden müssen.

Früher war nicht alles besser

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Die älteren Lustenauer:innen können sich noch gut daran erinnern, dass es früher oft zum Himmel gestunken hat in Lustenau, denn bis in die 60er Jahre wurden bei den Häusern und Höfen sogenannte Senkgruben errichtet, die die häuslichen Abwässer aufnahmen. Die wurden dann ein- bis zweimal jährlich abgepumpt. Nicht selten sind sie aber übergelaufen und haben ihren ungesunden Inhalt in die umliegenden offenen Gräben entleert. Der letzte dieser Gräben wurde im Binsenfeld erst 2016 geschlossen. Auch der Moosbach war bis in die 70er Jahre ein offener Abwassergraben. Der Rheindorfer Kanal ist hingegen nach wie vor der größte Sammler von Oberflächenwasser und entleert Regenwasser Richtung Bodensee. Umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen haben auch dazu geführt, dass der Fischbestand wieder gestiegen ist.

Hurra, es lebt!

Kanalisation Lustenau_2023@Lukas Hämmerle4

Was sich an Lebendigem im Kanalsystem tummelt, bietet aber mitunter auch Stoff für Alpträume und Horrorfilme. Besonders gut gefällt es fetten Spinnen im feuchten Dunkel. Aber auch Schlangen und Amphibien wurden schon gefunden. Ratten und andere langschwänzige Nager werden hingegen heutzutage eher seltener angetroffen. Dass mal eine das Rohr hinauf in die Klosettschüssel klettern könnte, gehört wohl eher ins Reich der Gruselgeschichten. Gefährlich kann es mitunter aber doch werden, wenn man bei der Wartung auf ein Nest voller Wespen trifft. Da hilft dann nur noch Schutzkleidung und eine gute Portion Mut.

Fakten und Zahlen:

  • Rund 5400 Objekte sind an das Kanalsystem angeschlossen 
  • 1,5 bis 2 Mio. Kubikmeter Abwasser pro Jahr 
  • 240 km Ableitungssysteme seit den 60ern 
  • 5 Großpumpwerke 75 Kleinpumpwerke 1 Vakuumentwässerung 1 Regenwasserpumpwerk 3 Regenklärbecken 
  • Oberflächenwasser werden abgeleitet durch: Alter und Neuer Rheindorferkanal, Grindelkanal/Scheibenkanal, Moosbach und Neunerkanal (mit 11 km der längste). 
  • Endstation der Lustenauer Abwässer ist das Klärwerk in Hard 
  • Wasserverbrauch pro Person und Tag: Duschen, Baden, Körperpflege: 68 Liter (48 %) Toilettenspülung: 38 Liter (27 %) Wäsche waschen: 17 Liter (12 %) Trinken, Kochen: 17 Liter (12 %)